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der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. - IGB
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 Betreff des Beitrags: Was sind Haustöcke?
BeitragVerfasst: Di 15. Apr 2008, 18:23 
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Hallo allerseits,

neben der baulichen Seite befasse ich mich seit einiger Zeit mit der Geschichte unseres Hofes. Und da taucht in alten Flurkarten, aber auch in neueren, immer wieder der Begriff "Haustöcke" auf. Die Flächen, die so bezeichnet werden, sind heute einfaches Weideland. Was könnte das bedeuten? Bei Google findet man darunter lediglich so eine Art Hackklotz für Metzger.

Gruß
Ludwig


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 Betreff des Beitrags: Re: Was sind Haustöcke?
BeitragVerfasst: Di 15. Apr 2008, 20:50 
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Ich vermute fast, es handelt sich um einen regionalen Begriff für "Hauberge".  Das Wort hat auch ein doppelte Bedeutung, den Haustyp der Halbinsel Eiderstedt meine ich nicht. Im Siegerland nennt man so Bereiche mit Niederwaldwirtschaft und einer etwa 15-20-jährigen Umtriebszeit. In der Regel werden dort Eichen angebaut. Dabei nutzt man die natürliche Regenerierung durch Stockausschlag. Deshalb muss spätetens nach 20 Jahren abgeholzt werden, da sonst die Stockausschlagfähigkeit zurückgeht. Nach einer Schonperiode von einigen Jahren, in der gelegentlich zwischen den Stöcken Getreide wurde, hatten die Schossen eine Höhe erreicht, die es erlaubte, Vieh dort zu weiden. Im Siegerland hat man vor einigen Jahren diese Landschaftsform auf kleinen Flächen rekonstruiert und bewirtschaftet sie wieder so. Damit sich eingegangenen Stöcke regenerien, gibt es meist einige Samenbäume grösseren Alters.

Die Eichen wurden meist zur Lohegewinnung geschält, das Holz anschliessend zu Holzkohle verarbeitet oder für den Hausbrand genutzt.
Niederwaldwirtschaft wird übrigens bei der Gewinnung von regenerativen Energiequellen ein Comeback vorhergesagt.

Ein gutes Buch zum Thema: Renate Bärnthol: Nieder- und Mittelwald in Franken. Waldwirtschaftsformen aus dem Mittelalter.  FM Bad Windsheim 2003. ISBN 3-926834-54-4.


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 Betreff des Beitrags: Re: Was sind Haustöcke?
BeitragVerfasst: Di 15. Apr 2008, 21:03 
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Nachtrag:

In Norddeutschland (Westfalen) nennt man den Eichen-Niederwald, der so bewirtschaftet wurde, sogar explizit Loh, den Mittel- und Hochwald Busch. Besondere Niederwaldform in Norddeutschland. Das Bruch, oft (nicht ausschliesslich) verwendet auch für Erlen-Niederwald in Flussauen. Bewirtschaftung in der Regel in Allmendeform (keine festen Grundstückgrenzen, sondern Gemeinschaftsfläche, aus der eine Versammlung einvernehmlich das Holz etc. zuteilt! Bekannte Beispiele solche Benennungen aus meiner weiteren Heimat: Das Isterloh und das heute verschwundene Nederlo in der Grafschaft Bentheim, der Biener Busch bei Lingen (Ems), das Hasbruch (ein alter Hudewald) bei Delmenhorst.


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 Betreff des Beitrags: Re: Was sind Haustöcke?
BeitragVerfasst: Di 15. Apr 2008, 21:33 
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Da kann ich nur zustimmen, wir wohnen im Bruchweg, überall Erlen im Landschaftsschutzgebiet in einer Flußaue mit Fluß und Eintrag im Grundbesitz,: Bewässerungskanal kann von der Gemeinde gebaut werden. Bewässerung? Wer soll da bewässern? Ist Bachaue mit ziemlich viel Wasser. Na ja, ist von 1906, trifft uns nicht mehr, aber warum? Frage an die IGB´ler

miro


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 Betreff des Beitrags: Re: Was sind Haustöcke?
BeitragVerfasst: Di 15. Apr 2008, 22:36 
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Hallo Dietrich

Vielen Dank für die wie immer fachkundige Antwort, das klingt logisch. Können es auch (Kopf)weiden gewesen sein? Die sind hier absolut typisch.
Ich bin mir aber nicht sicher, ob es ein Flurnamen ist oder eine Bezeichnung für eine bestimmte Nutzung oder auch beides? Es gibt hier Flurnamen wie das Salbruch, das Hoffbruch, ich finde in alten Karten Neubenden oder Diergardtsbenden (Familie Diergardt war eine lokale Größe im 17/18 Jhdt.) sowie "In der Kieskammer".

Auf einer Karte von 1917 ist das Feld, das als Haustöcke bezeichnet wird, in gut 2 Dutzend sehr schmale handtuchartige Flurstücke geteilt. Gesamt ca 6-8 ha. Kartensymbole für Wiese (diese anführungsstrichartigen Strichelchen) Direkt nebenan ein Wäldchen mit den Zeichen für Laub- und Nadelwald, den es heute teilweise noch gibt. Auf einem Luftbild von 1931 sieht das Feld  wie eine ganz normale Wiese aus. In der topographischen Karte von heute steht der Begriff auch.

Werd noch mal suchen und wühlen, es gibt noch mehr Kartenmaterial, ein Gang ins Kreisarchiv steht auch auf der Liste.

Schönen Abend
Ludwig


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 Betreff des Beitrags: Re: Was sind Haustöcke?
BeitragVerfasst: Mi 16. Apr 2008, 06:14 
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Wohnort: Lügde-Hummersen (Kreis Lippe)
Quellen im Netz:

Hackwald
Hackwaldwirtschaft, Haubergswirtschaft

Ich könnte mir vorstellen, dass die Bezeichnungen "Haustock/Haustöcke" von "auf den Stock setzen" abgeleitet werden kann. Ältere Hecken und einzelne Büsche werden heute noch so zum Neuaustrieb aus der Basis heraus gezwungen wenn sie schon recht kahl, verwachsen und zerzaust sind. In den Knicks wird das sogar regelmäßig alle paar Jahre gemacht und auch im Hausgarten ist das üblich.

Grüße
Ulrike

Noch ein Nachtrag: Früher wurden die Knicks auch brandgerodet. Da die Begriffe "Hackwald, Hauberg" wohl vom Unterhacken der Asche nach Brandrodung her rühren, könnte es vielleicht im Zusammenhang mit "auf den Stock setzen" zum Begriff "Haustock" gekommen sein.

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"Wenn du wirklich etwas willst, werden alle Märchen wahr." (Theodor Herzl)
Mehr über meine wahr gewordenen Märchen ist hier nachzulesen


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 Betreff des Beitrags: Re: Was sind Haustöcke?
BeitragVerfasst: Mi 16. Apr 2008, 09:18 
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Registriert: Mo 17. Feb 2003, 17:34
Beiträge: 767
Bei der angeblichen Brandrodung von Wallhecken (Knicks) würde mich doch die Quelle interessieren, dann das erscheint sehr unwahrscheinlich, da Hecken ähnlich dem Niederwald immer zur Brennholzgewinnung genutzt wurden. Das Holz verbrennt man dann nicht vor Ort, sondern in Backofen (die sogenannten Buschen) und Herdfeuer - sogar Sprickelholz wurde früher verwertet. Bei Hecken ist der Stockausschlag wichtig. Der unterbleibt aber unter Umständen, wenn man brandrodet, vor allem, wenn zu viel Holz rumliegt und das Feuer zu heiss wird

Knicks sind Naturzäune, die dadurch entstehen, dass Junghölzer von wenig cm Durchmesse eingekerbt, dann flachgelegt und miteinander verflochten werden. Also ein Zaun mit lebenden Pfählen und Gerten. Sonderform in Ostwestfalen: Die "Nieheimer Flechthecken". Hecken haben in der Regel nicht zu Flurnamen geführt (Eventuell als Ausnahme wäre anzusehen: Die grossen Heckenzüge der Landwehren mit ihren Passagestellen, die man - wie das wlte Weide- und Hoftor auch "Hecks" nannte.)

Erlenbruchwald ist in den letzten Jahrhunderten durch übermässige Holznutzung und zu intensive Beweidung mit Viehverbiss des Stockausschlages in Wiesen übergegangen. Damit ging auch die im Mittelalter noch verbreitete Laubheuwirtschaft zurück. Die zunehemnde Entwaldung der Flusstäler führte zu stärkerer Erosion oder auch Sedimentablagerung, die die Täler so veränderte, dass bisweilen Siedlungssstandorte aufgegeben werden mussten. Bekanntestes Beispiel: Alt-Schieder im heutigen Emmerstausee bei Schieder (Lippe), das um 1400, (soweit ich mich entsinne), zugunsten der heutigen Höhensiedlung aufgegeben wurde.

Daher kann ein ehemaliger Niederwald noch namengebend sein, obwohl er längst Wiese geworden ist. Hinweis zu alten Nutzungsformen: Bei Grasland unterscheidet der Bauer Wischen, Weiden und Maaten (wie meadow - Mähwiese).


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 Betreff des Beitrags: Re: Was sind Haustöcke?
BeitragVerfasst: Mi 16. Apr 2008, 10:03 
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Hallo Dietrich,

eine Quelle habe ich nicht, nur meine Erinnerungen aus der Kindheit. Damals wurden in meiner Heimat (BW) auch s.g. Knicks brandgerodet. Ob das nun tatsächlich auch Knicks waren (nach Deiner Beschreibung) kann ich nicht beurteilen. Meine Eltern und Großeltern haben das als solche bezeichnet. Von daher habe ich zur Aufklärung dieser Frage nichts weiter beizusteuern, als die eigene Erinnerung daran, dass dort auch immer irgendwelche Büsche/Hecken standen.

Knicks sind für mich (weil ich es nicht anders gelernt habe) bspw. die mit Hecken und Büschen bepflanzten Abgrenzungen von Wegen zu Äckern. Wobei die Wege tiefer liegen als die Äcker und somit ein Wall zum Acker hin entsteht. Also ging ich bisher immer davon aus, das die Bezeichnung "Knick" von dem Knick in der Ebene kommt. Den Weg selbst haben meine Eltern/Großeltern als "Stich" bezeichnet, wobei ein "Stich" auch ein Weg durch eine wenig tiefe (mannshoch) Schlucht im Wald sein konnte.

Ist vielleicht auch eine regionale Sache ...

Grüße
Ulrike

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Mehr über meine wahr gewordenen Märchen ist hier nachzulesen


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